„Zum Umgang mit großen innerstädtischen Einkaufscentern“ (Zusammenfassung)

Empfehlungen des Landes NRW für politische Entscheidungsträger und Übertragung auf das Vorhaben „Erweiterung City-Arkaden“

Broschüre_MWEBWV_querIm Januar 2011 veröffentlichte das Ministerium für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr (MWEBWV) des Landes Nordrhein-Westfalen die Studie „Zum Umgang mit großen innerstädtischen Einkaufscentern“.
Mit dieser Broschüre, die sich an eine interessierte Öffentlichkeit und vor allem an politische Entscheidungsträger in Kommunen richtet, sollen „den Rathäusern schnell und anschaulich lesbare Empfehlungen zum Umgang mit dem schwierigen und hochsensiblen Thema „innerstädtische Einkaufscenter“ an die Hand gegeben werden.“

Die Lektüre macht schnell deutlich, dass die bisher bekannte Planung zur Erweiterung der City-Arkaden in wesentlichen Punkten nicht den Empfehlungen des Ministeriums entspricht.
Der folgende Text fasst die Inhalte der 44-seitigen Publikation von Rolf Junker, Dr. Gerd Kühn und Dr. Holger Pump-Uhlmann zusammen.
Die hier dargestellte Essenz und vor allem auch die Übertragung auf das Vorhaben „Erweiterung City-Arkaden“ ist von dem Stadtplaner und Mitautoren Rolf Junker auf fachliche Richtigkeit überprüft worden. Dafür danken wir ihm an dieser Stelle sehr herzlich!
Leser, die sich umfassend mit der Thematik auseinandersetzen möchten, können die komplette Broschüre hier downloaden.
(Wenn Sie den nun folgenden etwas längeren Text nicht am PC lesen, sondern ausdrucken möchten, können Sie ihn hier als PDF herunterladen)

Anmerkungen zum Verständnis von Stadt

Die Empfehlungen des Landes NRW zu innerstädtischen Einkaufscentern im Allgemeinen – und die hier ergänzten Einschätzungen zur Erweiterung der Wuppertaler City-Arkaden im Speziellen – resultieren aus einem gleichermaßen traditionellen wie langlebigen Verständnis von Stadt. Dies bedeutet, dass der städtische (öffentliche) Raum durch Offenheit, Verschiedenartigkeit und Überraschungen eine geeignete Bühne für ein spannungsreiches Verhältnis zwischen der privaten und öffentlichen Sphäre bildet.
In der Tradition der europäischen Stadt sind die meisten Innenstädte noch immer das Aushängeschild für die Gesamtstadt. Sie sorgen für Identifikation und Identität nach Innen und für das Image nach außen.
Das den Empfehlungen zugrunde liegende Verständnis von Stadt und Stadtentwicklung lässt Veränderungen wie die Ansiedlung eines Einkaufscenters durchaus zu. Doch um bewährte und zukunftsfähige Grundsätze urbaner Lebensräume nicht zu verletzen und eine liebenswerte Stadt zu erhalten, müssen bestimmte Kriterien bei der Planung und Umsetzung eines solchen Vorhabens berücksichtigt werden.

Grundsätzliches zum Planungsverfahren bei der Ansiedlung 
von Shopping Centern

Die zentrale Botschaft der Studie ist, dass politische Entscheider und Verwaltung mit Centerbetreibern auf Augenhöhe verhandeln. Dies beinhaltet zum einen, dass die lokalen Entscheider ihr Wissen über das komplexe Wirkungsgeflecht, das Einkaufscenter auslösen, deutlich erweitern. Zum anderen muss ein klares Zielsystem entwickelt werden, das zum Maßstab für alle Entscheidungen zur Stadtentwicklung wird. Idealerweise übernimmt die Kommune die aktive Rolle, um einen geeigneten Investor auszuwählen und das Verfahren von Anfang an selbst zu steuern.

Für das Vorhaben in Wuppertal hat diese Forderung folgende Konsequenzen: Im ersten Schritt müssen Entwicklungsvorstellungen für die Innenstadt formuliert werden (Masterplan); hierzu gehört auch die Beantwortung der Frage, ob das Center überhaupt erweitert werden soll. Sofern diese Frage bejaht wird, müssen in einem zweiten Schritt klare Eckpunkte für das geplante Vorhaben aufgestellt werden. Es muss also formuliert werden, wie sich die Stadt das Center vorstellt. Nur so wird die Planungshoheit der Stadt tatsächlich gewahrt und nicht dem Centerentwickler überlassen. Vorbildliche Beispiele für ein selbstbewusstes städtisches Vorgehen sind aktuell in Mainz und Offenburg zu verfolgen.

Das in der Vorlage zum Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan Platz am Kolk / Kipdorf vorgeschlagene Moderationsverfahren wird diesem Anspruch nicht gerecht, weil die Grundsatzentscheidung bereits fest steht und der Entwickler zu diesem verfrühten Zeitpunkt mit am Tisch sitzt.

Ohne Masterplan mit ausformulierten Zielvorstellungen hat die Stadt Wuppertal keine nachvollziehbare und transparente Orientierung für stadtplanerische Entscheidungen. Gegenüber dem Investor ECE begibt sich die Stadt bisher in eine passive Rolle und erklärt aus einer defensiven Grundposition heraus: „Wir freuen uns, dass sich überhaupt ein Investor für Wuppertal interessiert.“ Vor dem Hintergrund einer solchen Haltung ist kaum zu erwarten, dass die Stadt Wuppertal selbstbewusst Forderungen an Centerentwickler stellt, die einer positiven Entwicklung der Innenstadt dienen werden.

Prüfkriterien für die Center-Verträglichkeit

Für ein Center, das nicht nur dem Entwickler, sondern auch der Stadt dient, formuliert die Studie „Zum Umgang mit großen innerstädtischen Einkaufscentern“ des Landes NRW – neben der grundsätzlichen Haltung zum Stadtverständnis – folgende konkrete Prüfkriterien:

1.    Größe des Centers und Branchenmix
2.    Lage des Centers
3.    Städtebauliche Einbindung
4.    Gebäudetypologie und Architektur
5.    Nutzungen und Zugangsbeschränkungen

1. Größe des Centers und Branchenmix

Um größere Umwälzungen in der Struktur des bestehenden Geschäftsbereiches zu vermeiden, müssen nach den Empfehlungen des Ministeriums die Flächenerweiterungen durch ein Einkaufscenter in einem moderaten Rahmen gehalten werden. Das bedeutet, dass bei einer durchschnittlich ausgestatteten Innenstadt eine Verkaufsflächenerweiterung von 15 Prozent bezogen auf die vorhandene innerstädtische Verkaufsfläche sowie bei Centern, die größer als 15.000 m2 sind, sehr genau hingeschaut werden muss.

Bevor überhaupt weiter diskutiert werden kann, verlangt das Vorhaben in jedem Fall eine objektive und neutrale Verträglichkeitsanalyse, die von der Stadt in Auftrag gegeben wird. Diese muss auch die Entwicklungen am Döppersberg und die städtische bzw. regionale Konkurrenzsituation berücksichtigen. Zudem sollte der Branchenmix in großen Teilen eine Ergänzung zum bereits vorhandenen innerstädtischen Angebot darstellen. Bei einer Duplizierung würde der vorhandene Hauptgeschäftsbereich wegen der Managementsvorteile des Centers in aller Regel zweiter Sieger bleiben.

2. Lage des Centers

Laut MWEBWV sind Center in Randlage – auch dann, wenn sie über eine direkte Anbindung an den Hauptgeschäftsbereich verfügen – besonders kritisch zu prüfen. Gerade in der Randlage führen sie wegen ihrer Größe stets zu Ungleichgewichten in der Struktur der Geschäftslagen. Wenn ein Center an einem Pol der Innenstadt lokalisiert ist, muss ein etwa gleich großer Gegenpol wie ein Warenhaus oder anderer Einkaufsmagnet vorhanden sein.

Die bestehenden City-Arkaden und die nach den bisher veröffentlichten Planungen bekannte Erweiterung liegen zwar in der Nachbarschaft des Hauptgeschäftsbereiches, sind an diesen jedoch nur unzureichend angebunden. So wird die Fußgängerzone deutlich zu Ungunsten der Innenstadt verlagert, was bereits bei den bestehenden City-Arkaden zu erheblichen Nachteilen für den gewachsenen Einzelhandel geführt hat.

Auch die Erweiterung, verbunden mit weiteren rund 600 Metern 1a-Lage würde nicht in Richtung der heutigen Fußgängerzone erfolgen. Im Gegenteil: Der Schwerpunkt würde sich weiter von der Fußgängerzone weg in einen Bereich verschieben, in dem heute gar kein Einzelhandel stattfindet. Die unvermeidliche Folge ist eine deutliche Verschärfung der bisher schon zu beobachtenden der Dominanz des Centers. Die zu erwartende Verschiebung der Laufwege hätte zwangsläufig einen rückläufigen Einzelhandel in ganzen Innenstadtbereichen und damit eine deutliche Zunahme der bereits vorhandenen Leerstände zur Folge.

3. Städtebauliche Einbindung

Die Autoren der Studie empfehlen, innerstädtische Raumstrukturen zu beachten und vorhandene Wegeverbindungen zu erhalten. Je zahlreicher die Eingänge in das Center sind, desto leichter ist die zu wünschende Vernetzung mit dem öffentlichen Raum zu erreichen.

Zugleich sollte das Attraktivitätsgefälle zwischen dem Center und dem vorhandenen öffentlichen Raum so gering wie möglich gehalten werden. Daher sollte vor Baubeginn über die Steigerung der Attraktivität innerstädtischer Räume nachgedacht und entsprechende Maßnahmen frühzeitig eingeleitet werden.
Die bisherigen City-Arkaden entsprechen dem klassischen Grundschema eines geschlossenen Einkaufscenters. Sie zeigen eine konsequente Innenorientierung und Abgeschlossenheit des Baukörpers, ohne mit vorhandenen innerstädtischen Baustrukturen zu korrespondieren –
und dies in einer besonders verschärften Form: Neben ihrer Introvertiertheit respektieren sie zudem noch nicht einmal das vorhandene Straßennetz: So wurde die Morianstraße einfach überbaut. Bei der jetzt angedachten Erweiterung wird dieses Prinzip auf die Spitze getrieben werden müssen. Der Entwickler wird zusätzlich die Überbauung – möglicherweise sogar die Schließung – der Straße Kipdorf verlangen, da er die für ihn so wichtigen geschlossenen Lauflagen erzeugen will.

Der Charakter einer isolierten „Stadt in der Stadt“ wird auf diese Weise massiv gefördert, gleichzeitig werden Randbereiche weiter entwertet. Eine Vernetzung mit der Innenstadt ist kaum noch möglich. Und damit nicht genug: Die heutige Fußgängerzone wird zum Anhängsel der neuen Mall.

Die bisherige Argumentation, durch das Vorhaben werde (ohne Finanzaufwand der Stadt) die Attraktivität der Innenstadt gestärkt, heißt also: Die Erweiterung des Shoppings Center soll im Wesentlichen die Defizite der bestehenden Innenstadt kompensieren. Zu Ende gedacht bedeutet dies jedoch, dass die vergrößerten City-Arkaden die gewachsene Innenstadt langfristig ersetzen. Hier wird ein Stück Stadt verkauft und die Stadtgesellschaft verliert jeden Einfluss. Spätestens hier zeigt sich, wie dringend notwendig ergebnisoffene Zieldiskussionen zur Innenstadt und zum Objekt sind!

4. Gebäudetypologie und Architektur

Die Größe des Baukörpers sollte nicht nur aus Gründen der Einzelhandelsverträglichkeit, sondern vor allem auch aus Gründen der städtebaulichen Verträglichkeit beschränkt werden. Das Interesse vieler Investoren, einen nicht auf die vorhandenen innerstädtischen Baustrukturen Bezug nehmenden Baukörper zu konzipieren, liegt grundsätzlich nicht im Interesse der Stadt. Idealerweise werden die baulichen und architektonischen Strukturen eines Centers so entwickelt, dass es sich mit deutlich mehr als drei Zugängen zum öffentlichen Raum öffnet und in seiner Erscheinung mit dem bestehenden Raum korrespondiert. Die Geschäfte sollten nicht nur vom Inneren der Mall aus zugänglich sein, sondern möglichst auch von außen. So wird nicht nur die Durchlässigkeit zwischen Center und Stadtraum erhöht, sondern vielmehr auch der architektonisch-gestalterische Bezug auf die Stadt optimiert, indem die Gestaltung echter Fassaden erforderlich wird.

Grundsätzlich sollte sich die Architektur der Center an die Architektur der Städte anpassen. Center sollten ihr urbanes Umfeld respektieren, sich diesem öffnen und einen Bezug zu ihm herstellen. Es darf nicht darauf hinauslaufen, die Stadt zugunsten des Centers umzubauen und sie an die Bedürfnisse des Centers anzupassen.

Auch wenn zum jetzigen Zeitpunkt noch keine konkreten Planungen zur Architektur der erweiterten City-Arkaden veröffentlicht wurden, lässt die bereits veröffentlichte Skizze erahnen, dass die vorgenannten Anforderungen in keinster Weise erfüllt werden sollen. Zu befürchten ist vielmehr ein „Mehr-Desselben“, das durch einen monolithischen Baukörper mit abweisenden Fassaden und einer introvertierten Struktur gekennzeichnet ist. Die Aufwertung der privaten Innenwelt des Centers würde mit einer deutlichen Abwertung des öffentlichen Raums in der Nachbarschaft einhergehen.

5. Nutzungen und Zugangsbeschränkungen

Nach Einschätzung des Ministeriums sind monostrukturierte Einkaufscenter insbesondere bei großen Centern und solchen, die einen hohen Anteil an der innerstädtischen Nutzfläche einnehmen, aus städtischer Sicht nicht sinnvoll. Es sollten vielmehr gemischte Nutzungen mit Handel, Gewerbe, Wohnen und Kultur angestrebt werden.

Für die Stadt ist es besser, wenn Zugangsbeschränkungen und Barrieren zwischen den öffentlichen Räumen der Innenstadt und dem privaten Einkaufscenter vermieden werden. Private Zugangesregelungen wie Schließzeiten in den Nachtstunden und an Feiertagen, Ausgrenzungen von bestimmten Bevölkerungsgruppen und Verhaltensaufforderungen („Hausordnungen“) sind kritisch zu hinterfragen. Die Kommunen sollten in städtebaulichen Verträgen darauf hinwirken, dass es keinerlei Zugangsbeschränkungen gibt – weder zeitlich noch für bestimmte Personengruppen.

Da das geplante Vorhaben „Erweiterung der City-Arkaden“ heißt und nicht etwa „Neukonzeption“ oder ähnlich, ist davon auszugehen, dass die bestehende Nutzungsstruktur grundsätzlich unverändert bleiben soll. Dies bedeutet, dass die aktuell bestehenden Zugangsbeschränkungen (Öffnungszeiten, Hausordnung) beibehalten werden sollen. Bei der geplanten Dimensionierung hat dies zur Folge, dass eine Fläche, die in der Größe etwa der gesamten übrigen Innenstadt Elberfelds entspricht, von der Öffentlichkeit nicht mehr uneingeschränkt genutzt werden kann und den im Prinzip willkürlichen Regeln eines privaten Betreibers unterworfen ist. Zudem wird eine Monostruktur entstehen, die mit klassischen urbanen Situationen nichts mehr gemein hat.

Fazit

Die zum heutigen Zeitpunkt zu erwartende Realisierung des Vorhabens widerspricht in wesentlichen Punkten den Empfehlungen des Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes Nordrhein-Westfalen.

Die bisherige Herangehensweise von Politik und Verwaltung und die bereits bekannten bzw. ableitbaren Planungsabsichten lassen befürchten, dass in Wuppertal eine Vielzahl bekannter Fehler bei der Ansiedlung innerstädtischer Einkaufscenter wiederholt werden. Wenn dies der Fall ist, wird die Erweiterung der City-Arkaden aller Voraussicht nach gravierende Folgen für die Attraktivität und den Einzelhandel der gesamten übrigen (Innen-)Stadt haben.

In der nach bestehendem Kenntnisstand geplanten Überdimensionierung der City-Arkaden liegt vor allem die Gefahr, dass die gewachsene Innenstadt Elberfeld in den Hintergrund der Wahrnehmung rückt. In der Konsequenz würden der Charakter und die Identität der Stadt Wuppertal weitreichend verloren gehen. Die Innen- und Außenwahrnehmung Elberfelds würde sich in Zukunft auf ein Shopping Center reduzieren, wie es so oder so ähnlich bereits in vielen anderen Innenstädten vorzufinden ist.

Die Zusammenfassung der Studie „Zum Umgang mit innerstädtischen Shoppingcentern“ des Ministeriums für Wirtschaft, Energie, Bauen, Wohnen und Verkehr des Landes NRW und die Übertragung auf das Vorhaben „Erweiterung City-Arkaden“ wurde vom Stadtplaner Rolf Junker und Mitautor der Broschüre auf fachliche Richtigkeit überprüft.

Die Wuppertaler
September 2013

Download der Broschüre des Ministeriums (PDF, 44 Seiten)

Download der Zusammenfassung und Übertragung auf die City-Arkaden (PDF, 6 Seiten)

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s