Gedanken über „macht“ und den Gedankenstrich

„Wuppertal – macht was anders“

Dieser Claim gibt uns zu denken – und zwar in zweierlei Hinsicht: Zum einen ist es der Gedankenstrich, der sein erklärtes Ziel, zu einem Gedanken oder zu einer Denkpause anzuregen, hier mehr als erreicht. Zum anderen ist es „macht“, das uns Gedanken macht.

Doch der Reihe nach:
Hieße der Claim schlicht und einfach „Wuppertal macht was anders“, wäre die Bedeutung nach unserem Verständnis klar: Es würde eine Aussage über Wuppertal getroffen, die sich leicht aus der Vergangenheit herleiten ließe (Engels, Schwebebahn und Pina Bausch, zum Beispiel). Und eine Aussage, die man zudem auch als hoffnungsfrohen Appell für die Zukunft verstehen könnte: Grammatisch handelt es sich zwar genau genommen um das Präsens, die Gegenwart, inhaltlich gemeint wäre jedoch eher das Futur. Dies ist im Deutschen durchaus üblich und zulässig: „Im August fahre ich in Urlaub.“ (Schön wär’s.)
Für alle, die die gegenwärtige Situation in Wuppertal skeptisch beurteilen, hätte die Botschaft dann den Charakter einer (hoffentlich) sich selbst erfüllenden Prophezeiung, die eigentlich ankündigen möchte: „Wuppertal will oder wird etwas anders machen!“ Frei nach Böll: Es muss etwas geschehen. Es wird etwas geschehen.
Dieser Claim hätte eine schöne Idee, einen schönen Rhythmus und würde durch seine einfache Leichtigkeit umso mehr an Gewicht und Bedeutung gewinnen. In diesem Sinne könnten wir allen denkbaren Interpretationsmöglichkeiten zustimmen und würden den Claim für gut, richtig und sinnvoll halten.

Nur:
Der Claim heißt nicht so. Da ist eben noch dieser Gedankenstrich. Und der bringt uns, wie gesagt, zum Nachdenken. Denn er macht alles anders. Die Problematik entsteht – mit Gedankenstrich – nun auch durch das Wort „macht“, das mit seiner grammatischen Form bedauerlicherweise nicht eindeutig ist. Zum einen könnte es sich hier um die 3. Person, Präsens, Singular handeln: „Er, sie, es macht (etwas anders).“ – Eben so, wie wir es im obigen Absatz verstanden haben, also: „Wuppertal macht…“
Das Wort „macht“ könnte zum anderen jedoch auch ein Imperativ (Befehls- oder Aufforderungsform) Plural sein, etwa wie: „Drückt euch klarer aus, ihr Claim-Erfinder!“
Zum Beispiel.
Der Gedankenstrich, der die Trennung zwischen „Wuppertal“ und „macht“ macht, legt genau ein solches Verständnis nahe. So gesehen trifft der Claim dann keine Aussage über Wuppertal, sondern müsste als eine Aufforderung an Wuppertal verstanden werden. Eine Aufforderung, die ein Sender A an einen Empfänger B richtet: „Macht eure Hausaufgaben!“, „Macht die Betten!“, „Ihr in Wuppertal: Macht was anders!!!“
Jetzt stellt sich allerdings die Frage: Wer ist der Absender dieser Botschaft? Ist es möglicherweise die Werbeagentur Scholz & Friends, die uns aus der Weltstadt Düsseldorf etwas überheblich herüber ruft: „Macht endlich was anders, ihr hinterwäldlerischen Wuppertaler!“ (?)
Oder sprechen hier, da der Claim ja nun von offizieller Wuppertaler Seite verbreitet wird, der Oberbürgermeister und seine Mitstreiter? Diese würden sich dann damit allerdings selbst von Wuppertal distanzieren und aus dieser Distanz dem gemeinen Wuppertaler Volk nahelegen, irgendetwas – was auch immer – anders zu machen.

Wir Wuppertaler rätseln nun: Wie ist der Claim gemeint?
Und so denken wir jetzt darüber nach, wirklich etwas anders zu machen. Bei der nächsten Kommunalwahl vielleicht?

Aber vielleicht ist alles auch ganz anders.
Vielleicht hat der Texter ursprünglich „Wuppertal macht was anders“ getextet. Dann kam der Creative Director (Art) und sagte : „Hey, guck mal: Machen wir doch noch ’nen Gedankenstrich rein. Sieht irgendwie geiler aus!“ So geht’s manchmal zu, in Werbeagenturen. Look & Feel. Das zählt. Inhalt egal. Merkt ja sowieso keiner.
Wahrscheinlich war es so. Und deshalb nehmen wir uns die Freiheit, den Claim so zu verstehen, wie der Texter ihn zuerst hingeschrieben hatte. Mit dieser Version wären wir sehr zufrieden und könnten mit dem besten Gefühl einen Vorschlag zur „Bürgerbeteiligung 2025“ einreichen. Machen wir einfach.
Demnächst auf dieser Seite …

Download PDF: Gedanken über den Gedankenstrich

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